Transbalkan-Tagebuch

So tagesaktuell wie möglich – unser Reisetagebuch der *TransBalkan* -Tour 2010. Wir schreiben vom Internetcafé aus, via Handy oder indirekt via Mail an unseren Webmaster. Und wenn’s funktioniert, könnt ihr hier auch unsere aktuelle Route mitverfolgen. Postet eure Kommentare, schreibt uns eure Meinung!

2. August 2010: banatski brestovac – djubova

02. August 2010, Ban. Brestovac – Djubova (156 km)

Es ist uns gestern Abend tatsächlich gelungen, uns in das gelsenfreie Refugium zurückzuziehen, nur ein Blutsauger hat sich mit hineingeschlichen! Sorry, das hat ihn das Leben gekostet. Sonst hatten wir eine herrlich ruhige Nacht. Die Nebengeräusche aus der freien Natur waren für Cordi etwas ungewohnt, daher hat sie weniger geschlafen. Trotz allem war es ein tolles erlebnis, die erste Nacht heuer in freier Wildbahn zu verbringen.

In Smederevo, unserem ersten Zwischenstopp, besuchen wir ein altes Fort direkt an der Donau.Teile der Hauptmauer wurden bereits liebevoll restauriert, doch die Bauarbeiten wurden vorrübergehend, vermutlich aus Geldmangel, eingestellt. Der Bereich, den wir genauer inspizieren, wird zu unserem großen Bedauern vorwiegend als Müllhalde und Toilette missbraucht. Weil der Gestank einfach unerträglich ist, suchen wir bald wieder das Weite.

Kurz nach Pocarevac biegen wir wieder links ab zur Donau. Der Weg führt uns durch die Auen auf den Damm, vorbei an Fischern. Hier erreicht die Donau eine enorme Breite von zirka 4 Kilometern, bedingt durch die Staustufe 150 Kilometer weiter stromabwärts, bei Turnu Severin. Über eine nette kleine Offroadpassage, inklusive einem Gustostückerl, 300 Meter ausgewaschen, steil, zerfurcht und grobsteinig, erreichen wir Ram. Vollkommen verschwitzt, und erschöpft (wir haben heute 35°!) ist Cordi überglücklich, dieses doch selektive Stückerl heuer gemeistert zu haben. 50 Meter über dem Wasserspiegel sitzt ausgesetzt auf einem Felsen eine kleine Festung, mit tollem Ausblick auf den mächtigen Strom. Wir rollen den winzigen Ort hinab zum Wasser. Dort am Ufer befindet sich ein kleines Lokal, das den auf die Fähre Wartenden Schutz vor der brütenden Hitze und Labung für den Hunger bietet. Um 10 Minuten zu spät erreichen wir die Anlegestelle, die nächste Fähre kommt in zweieinhalb Stunden. Wir nutzen die Zeit mit Kartenstudium, erfrischen uns bei ein paar kühlen Getränken, und laden ein paar Akkus auf.

Plötzlich klopft jemand auf Rudis Schulter, der Kellner ist dolmetschend zur Seite, und 5 Minuten später sind wir um einen Blechbenzinkanister leichter. 1000 Dinar werden geboten, wenn er ihn doch nur haben könnte. Der Inhalt, 5 Liter Benzin, wird in Cordis Tank verfrachtet, und der leere Kanister wechselt in Ram seinen Besitzer. Kurz darauf plagt Rudi das schlechte Gewissen. So viel Gastfreundschaft war uns hier am Balkan schon widerfahren. So viel wurde uns schon geschenkt, da können wir doch nicht so einen doofen, alten, eingedellten Blechkanister verscherbeln! Schnurstracks geht Rudi auf Ratko zu und steckt ihm den druckfrischen 1000 Dinarschein in die Hemdtasche. Völlig gerührt umarmte er Rudi und wir waren erleichtert. Endlich konnten auch wir einmal jemanden hier eine Freude bereiten.

Punkt Drei, der Ticketverkäufer ist kaum hier, drängen schon die ersten Fahrzeuge auf den alten Schrottkarren. Im Nu ist dieser gesteckt voll, alle wollen auf die andere Seite, dem einzigen Grenzübergang weit und breit nach Rumänien, bei Karlo…. Irgendwo dazwischen finden wir mit unseren Motorrädern auch ein Platzerl. In 15 Minuten Fahrzeit tuckern wir über den hier seeartigen Strom.

Relativ bald erreichen wir die Grenze zu Rumänien bei Kaluderovo. Eine nette Zöllnerin winkt uns an der langen Warteschlange vorbei, und schon sind wir durch und treten in eine andere Zeitzone ein. Hier ticken die Uhren so und so anders. Über eine kleine Passstrasse erreichen wir Moldova Noua, und dann geht es 90 Kilometer an der Donau entlang auf einer großteils gut ausgebauten Strasse. Wir sind fast völlig allein unterwegs, hier ist das Motorradparadies. Direkt am Ufer, an den Hängen der steil abfallenden Berge schlängeln wir uns entlang.

Die Abendsonne taucht die Landschaft in warme Töne, während die serbische Seite längst im Schatten liegt. Einem Fjord gleich bietet sich uns die Landschaft über eine Stunde lang dar. Da kann die Wachau mit ihrem Mariandl-Feeling echt einpacken.

Kurz bevor die Sonne hinter den bewaldeten Bergen verschwindet, finden wir eine direkt am Ufer gelegene Pension, denn die Dusche ruft! Der Insektenspray mit Litern von Schweiss hat sich mit dem Staub des Tages zu einer klebrigen Schicht verbunden. Yeah, wir kommen sogar noch in den Genuss einer Abkühlung in Pool mit Blick in den “Donausee”.

Das tolle Abendessen geniessen wir in kleinen auf Stelzen im Wasser stehenden Pavillions, die mit Stegen mit dem Ufer verbunden sind. Das zweite Bier gibt uns den Rest und wir schaffen gerade noch die zwei Etagen in unser Zimmer.

3. August 2010: djubova – miroc

03. August 2010, Djubova – Miroc (128 km)

Bei einem rumänischen Frühstück, Omlette und Weissbrot, und einen aufpreispflichtigen doppelten Espresso geniessen wir noch einmal den wunderschönen Blick über die seeartige Donau, begrenzt durch eine grüne Berglandschaft. Über Orsova kommen wir zur riesigen Staustufe, Djerdap I, wo wir die Donau nach Serbien überqueren. Bis hierher passieren wir unzählige Baustellen, ampelgeregelt, an denen wir jedesmal ewig lang rot haben und uns an den wartenden Auto- und LKW Schlangen nach vorne schwindeln. Der Baufortschritt an den Strassenbrücken hat sich seit 2008 nicht wesentlich verändert. Nur an ein, zwei Brücken sehen wir den einen oder anderen Bauarbeiter, der aber primär mit essen beschäftigt ist.

Auf der serbischen Seite der Donau gehts wieder ein kurzes Stück stromaufwärts, weil wir eine tolle Schotterpassage durch den Djerdap Naturpark fahren möchten. Kaum Ortschaften und eine wunderbar ausgebaute, kurvenreiche Strasse bringt uns an zahlreichen Aussichtspunkten vorbei nach Donji Milanovac. Wir halten immer wieder an, um die beeindruckende Aussicht 300 Höhenmeter hinab auf die Donauschlucht des eisernen Tores zu geniessen.

Ein verwinkeltes schmales Strässchen schlängelt sich nun in den Naturpark hinauf bis nach MIroc, ein verschlafenens Nest, in dem die Zeit absolut stehengeblieben ist. Beim Dorfgreissler halten wir für eine kurze Pause. Zufrieden dreinblickende ältere Männer sitzen davor unter der Laube bei ihrem Bier und mustern uns verwundert. In der Halben Stunde unseres Verweilens ändert sich die Kulisse nicht nennenswert. Ein paar Männer kommen dazu, andere gehen, ein Zastava hält an, ein Mähdrescher kriecht an uns vorbei durch den Ort, ein alter Traktor fährt los und kleine Jungs düsen aufgeregt mit ihren viel zu kleinen Fahrrädern auf der löchrigen Strasse herum. Fachgesimpel über unsere Motorräder unter den Männern, soviel können wir gerade noch verstehen. Highlight des Jahres hier, ansonst Alltag in Miroc.

Wir verlassen die Idylle und freuen uns auf die 14 km Schotterpiste. Zweispurig, in sanften Kurven, bergauf, bergab, gehts durch die Hochebene. Wir fressen weissen Staub, aber es macht verdammt viel Spass. Kein Gegenverkehr, ab und zu ein Bauer auf seinem Mopperl, den wir natürlich nicht einstauben… Hier sind geile Kameraeinstellungen Pflicht und wir fahren mit Vergnügen ein paar Mal Auf und Ab.

Die Sonne beginnt nun, sich langsam dem Horizont zu nähern. Jetzt wird es Zeit, ein geeignetes Plätzchen für die Nacht in der Wildnis zu suchen. Auf einer sanften Kammlage, biegen wir rechts auf die Wiese weg. Ein paar hundert Meter abseits der Strasse tut sich der wohl idealste und schönste Platz der Welt auf!

Hnter uns ein kleines Wäldchen und vor uns eine grandiose Aussicht auf die Wallachei. Wie eine träge Riesenschlange liegt die Donau im Abenddunst in der Ebene und bildet die Grenze zu Rumänien. Wir geniessen das Zeltaufstellen und richten uns ein gemütliches Platzerl ein, während sich eine Landschildkröte kurz bei uns vorstellt und gleich wieder im Dickicht verschwindet. Rudi fährt noch schnell in den nahegelegenen Ort, Brza Palanka, um Lebensmittel fürs Nachtmahl einzukaufen. Der wunderschöne Abend klingt fast mückenfrei bei einem Lagerfeuer aus.

4. August 2010: miroc – aprilci

04. August 2010, Miroc – Aprilci (398 km)

Um 5 Uhr früh, im Morgengrauen, weckt uns plötzlich Donnergrollen und heftiges Zucken von Blitzen. Wir schiessen aus dem Zelt und verstauen sämtliches herumliegendes Equipment regensicher. Aus dem Schlaf gerissen, kommen wir jetzt nicht mehr wirklich zur Ruhe. Um Sieben krichen wir erneut unausgeschlafen aus der Behausung und von den Gewitterwolken ist keine Spur mehr zu sehen. Falscher Alarm… Whatever, iss so… Die Schwüle drückt allerdings schon so zeitig in der Früh. Der Aufbruch wird dann allerdings unterbrochen. Mit dem Aufladen diverser Akkus haben wir die Batterie der XT leergesaugt. Vorsorglich haben wir Starterkabel dabei und geben uns Starthilfe.

Heute wollen wir mal etwas weiterkommen, nehmen wir uns vor. Es stellt sich bald heraus, daß uns die Gewitterfront beharrlich verfolgt. Kaum bei Negotin über die bulgarische Grenze treffen uns schon die ersten schweren Tropfen. Regengewand an und einen Gang herunter. Gleicher glatter Asphalt und auch die Reifen sind noch immer die selben… Obermühsam, seids im Büd?

Vom Regen in die Traufe: Durch die Ebene haben wir immer trockenes Wetter, kaum wirds bergig und spannend zu fahren vergällt uns der Regen die Freud am Kurven wetzen. Fast aufrecht kriechen wir um die Ecken und spüren ständig, wie die Reifen vergeblich Halt suchen. Abgesehen davon haben sich schon wieder diverse “swimming pools” gefüllt: die Stiefel (der Regen kam so schnell, daß leider keine Zeit mehr war, die Gore-tex Socken anzuziehen), die Hose im Bereich Sitzfläche und das wieder trotz Regenoverall!), Handschuhe (nicht überall, wo Gore-tex draufsteht, ist auch Gore-tex drin!). Jetzt gibts nur eine Option: lachend einfach durch, denn alles wird gut!!! Bei Teteven kübelt es dermassen, daß wir kurzfristig bei einer Tankstelle Schutz suchen. Doch es ist keine Besserung in Sicht, so tuckern wir ohne was zu sehen langsam weiter durchs Gebirge. Mit ohrenbetäubenden Knallern schlagen die Blitze neben uns ein. Wir müssen aufpassen, nicht das Motorrad zu verreissen, wenn wir erschrecken. Trotz Helm sind wir momentan fast taub. Apokalyptisches Naturschauspiel mit null Spassfaktor. Cordis Handschuhe sind jetzt eh total nass, so kann sie auch ruhig die Griffheizung einschalten. Die Finger werden langsam klamm. Gleichzeitig wollen wir auch gut gesehen werden, deshalb drehen wir an Lichtern auf, was wir haben. Das dankt uns nach einer Stunde die XT mit einem Totalstreik. Die Batterie hatte nicht mal mehr die Kraft, den Motor am Laufen zu halten und so stirbt sie bei der ersten Strassenkreuzung in Aprilci unwiderruflich ab. Kein Mucks mehr. Starthilfe geben haben wir ja heute schon geübt. Drei alte Männer sitzen unter dem Vordach eines Hauses an der Strasse und beobachten uns wortlos beim Herumwurschteln. Wir stellen fest, in Bulgarien ist die freiwillige Hilfsbereitschaft nicht so gefragt. Sie sitzen nur da und starren uns an. Nicht, daß wir Hilfe benötigt hätten, aber in Serbien zum Beispiel, würde schon das halbe Dorf zusammengelaufen sein, um uns zu unterstützen.

Wir beschliessen, für heute ist es genug. Das ist ein Zeichen. Auf dieses wollen wir hören. Das Moped und wir sind erschöpft genug. Zimmersuche. Wir legen uns in einem super netten kleinen Hotel trocken und stellen fest, daß wir die einzigen Gäste im Haus sind. Bis hierher hatten wir schon einige Male die leisen Anzeichen der Wirtschaftskrise gesehen. Wenig Verkehr, wenige Menschen auf der Strasse, obwohl wir durch bulgarische Tourismusorte fuhren und eigentlich Hochsaison ist. Aber das hier? Mitten im Balkangebirge mit allerlei Abenteuer- und Outdoormöglichkeiten, keine Menschenseele… Gespenstisch, so ein leerer Tourismusort. Vom Kellner erfahren wir, die Einbrüche liegen im Vergleich zum Vorjahr bei etwa 90 Prozent. Selbst langjährige Stammgäste bleiben heuer aus. Uns ists nicht ganz egal, trotzdem geniessen wir nach einem köstlichen, bulgarischem Abendessen und einer Flasche hiesigen Rotweins die ruhige Nacht. Vorher organisiert uns der Chef des Hauses noch bei einem Nachbarn einen köstlichen, selbstgebrannten Slibowitz in einer Plastikhalbliterflasche um wohlfeile 5 Leva….

5. August 2010: aprilci – nessebar

05. August 2010, Aprilci – Nessebar (377 km)

Alles ist gut… Das Wetter, der Espresso, die Stimmung. Die Kleidung ist trocken. Wir düsen zeitig in der Früh los. Traumhafte Gegend hier zum Motorradfahren. Endlich kommen wir auf trockener Fahrbahn zu unserem Kurvenspass. Durch enge Täler gehts entlang des Balkangebirges auf nördlicher Seite mit einigen kurzen Offroadeinlagen. Wenig bis kein Verkehr ist eine angenehme Begleiterscheinung.

Bei Gabrovo beginnt ein Abschnitt, auf den wir uns schon enorm freuen. Eine gut ausgebaute, extrem kurvenreiche Passstraße gehört uns fast alleine. Hier überqueren wir nun den Gebirgszug gegen Süden. Seit 2009 ist dieser Paß (Sipenski Prohod, 1.185 m) LKW-frei! Eine Wohltat! Die Abfahrt nach Sipka ist wegen Asphaltierungsarbeiten gesperrt. So müssen wir “leider” über ein “weisses” Strasserl nach Kazanlak ausweichen. Vorher statten wir aber noch dem “UFO” Buzludza, einem der grössten kommunistischen Bauwerken Bulgariens einen Besuch ab. Weit über das Land sichtbar thront dieses als Kongresszentrum geplante und nie ganz fertiggestellte Bauwerk auf einem freien Gipfel der Sipenska Planina und rottet vor sich hin. Wir finden einen winzigen Eingang und schlupfen ins Innere des Betonbunkers. Unheimlich und enterisch!!!!! Von überall tropft es und stellenweise ist es stockdunkel. Wir steigen verfallene Treppen hoch, bis wir zum Hauptsaal kommen. Beeindruckend der Anblick der Überreste der bunten Mosaike, die die hohen Wände koplett auskleiden. Durch die Löcher im Dach kommen spärliche Sonnnenstrahlen ins Innere und erzeugen eine mystische Stimmung. Hier ist Foto- und Filmshooting angesagt.

Auf einem Nachbargipfel wird gerade ein riesiger Windpark aufgestellt und Rudi glüht über die Schotterpiste einige Kilometer schnell hinüber, um ein paar Fotos zu schiessen. Mächtige Schwertransporter quälen sich auf über 1.000 Meter hinauf, um die Teile für die Windräder anzuliefern. Dafür wurde hier auf den Almen ein kilometerlanges Schotterstrassennetz angelegt und Bestehendes in den Kehren massiv verbreitert, um den überlangen Gefährten die Auffahrt zu erleichtern.

Schon wieder schweres Donnergrollen: Wir ergreifen die Flucht. Die geschätzte Luftfeuchtigkeit liegt bei 100 Prozent und 35 Grad Aussentemperatur. Das zehrt an der Kondition. Wir kommen mit dem Trinken nicht nach. Kaum drinnen, ist das Wasser auch schon wieder in Form von Schweiss in unserer Wäsche und erzeugt dort langsam einen eigenwilligen Geruch. Alles mieft…

Über Kazanlak, Nova Zagora nach Yambol. Und das nur über kleinste Strasserln, um der Polizei und dem heftigen Verkehr Richtung Meer auszuweichen. In Yambol halten wir kurz an und in der Sekunde sind wir von Roma-Jungs umzingelt. Jeder will aufs Foto, will Gasgeben und einmal Hupen.

Nach über einer Stunde erblicken wir endlich das jetzt schon heiß ersehnte Schwarze Meer am Horizont. Wir hatten in einem Reiseführer über die nette Altstadt von Nessebar gelesen, also treibt es uns heute dort hin. Was aber in den nächsten Stunden geschieht ist nur schwer in Worte zu fassen. Autokolonnen kündigen den Touri Ort bereits an, alle kommen jetzt vom Strand heim und verstopfen die Strassen komplett. Der Boulevard zieht sich einige Kilometer parallel zum Meer Richtung Norden. Eine Mischung aus Legoland, Las Vegas und Caorle. Ein bunter Hotelkomplex neben dem Anderen. Und das in mehreren Reihen hintereinander. So wie am Strand die Schirme stehen, stehen hier die Hotels. Wir können es überhaupt nicht fassen. So etwas haben wir noch nirgends gesehen. Ganz Bulgarien ist hier auf Urlaub, so scheint es. Ein Konglomerat an Kitsch und Geschmacklosigkeit, soweit unser Auge reicht. Eineinhalb Stunden versuchen wir hier ein Zimmer zu finden. Aussichtslos. Ein Angebot haben wir dann auch noch ausgeschlagen: Ein Checker wollte uns ein Penthouse statt um € 200,- um “nur” € 80,- andrehen. Schlitten und Karrossen erster Sahne stehen hier herum, alle mit bulgarischen Kennzeichen. Pfeif auf Nessebar. Flucht! Fünf Kilometer weiter südlich, in Aheloy versuchen wir unser Glück erneut. Es stellt sich als ein rechtes Dreckskaff heraus, was uns aber in Anbetracht der Müdigkeit und der fortgeschrittenen Zeit wurscht ist. Auch hier alles voll. Kein Platz für uns. Bis uns eine Hotelbesitzerin, gut Deutsch sprechend, ein Zimmer verschafft. Drei Ecken weiter auf dem Dorfplatz, einem zusammengefahrenen Rübenacker gleich, erwartet uns eine nette Frau, und schleppt uns in den 4. Stock ihres halbfertigen Hauses. Naja, in der Not nimmt man was man bekommt. Stickig ist die Luft hier unterm Dach in diesem viel zu kleinem Raum. Das einzige Highlight ist das Fliegengitter im Fenster. Inzwischen ist es dunkel. Eine Dusche hilft nur ganz kurz, denn die Schwüle nimmt kein Ende, kaum sind wir erfrischt, schießt es schon wieder aus allen Poren.

Hunger macht sich bemerkbar, wir gehen zu der Hotelbesitzerin, die uns das Zimmer vermittelt hat, denn sie hat einen Tisch für uns reserviert. Eine Fehlentscheidung in nahezu allen Belangen: die Tafel vor dem Restaurant verheißt “gutes Essen hier”. das ist aber das Einzige, das unsere Stimmung hebt. Im Gastgarten spielt eine ein-Mann-Band auf der Roland Orgel in ohrenbetäubender Lautstärke. Der besagte reservierte, noch einzig freie Tisch steht exakt zehn Zentimeter neben einer mächtigen Lautsprecherbox. Wir bitten die Gastgeberin her, und fragen nach einem anderen Tisch, doch sie kann uns nicht verstehen (wegen der Lautstärke)! Schlussendlich bekommen wir einen Tisch ein paar Meter näher beim Ausgang, was das Lärmproblem kaum verbessert, Unterhaltung bleibt unmöglich. Das Essen ist tatsächlich in Ordnung, jedoch wird zeitgleich der Geruchsinn massiv beleidigt, denn in unmittelbarer Nähe muß eine Kläranlage sein. Mit jedem Windhauch kommt eine Welle eines Fäkalgestanks mit. Dazu noch eine Kellnerin, die primär herumzickt, und nur vorgibt, Englisch zu verstehen, es aber tatsächlich nicht tut. Kaum haben wir unsere Mahlzeit verspeist, ergreifen wir die Flucht, zurück in unser Zimmer! Wir sind nun sicher, der Eintagesabstecher nach Nessebar war keien gute Idee! Sinnvoll wären 2-3 Tage, aber das würde unseren Zeitrahmen, der ohnehin schon sehr begrenzt ist, vollkommen sprengen!

6. August 2010: nessebar – sozopol

06. August 2010, Nessebar – Sozopol (76 km)

Ohne Frühstück im Magen verlassen wir unser Quartier, wir lechzen schon sehr nach Sonne, Meer, Strand und Ruhe. Daß wir hier am schwarzen Meer die absolute Ruhe nicht so leicht finden werden, ist uns inzwischen bewußt. Feragosto auf bulgarisch.

Rudi hat es zu eilig, wegzukommen. Er befestigt seine Endurostiefel nur unzureichend auf dem Motorrad. Das rächt sich schon nach wenigen Kilometern. Bei Tempo 120 auf einer vierspurigen, stark befahrenen Schnellstrasse trennt sich ein Stiefel vom Motorrad, Cordi hat Mühe, dem Teil noch auszuweichen. Also rechts ran an den Strassenrand, anhalten, Pannenweste auspacken (endlich kommt auch diese mal zum Einsatz!) und suchen gehen. Hoffentlich hat der Stiefel den Abflug überlebt… Nach 15 Minuten taucht Rudi glücklich winkend mit dem Schuh auf, jedoch fehlt der Schienbeinprotektor. Somit erneute Suche. Er liegt auf der Gegenfahrbahn… und alles ist wieder gut!!!

In Burgas Zwischenstopp beim Billa zum Frühstück kaufen, zumal es die Bulgaren mit dem Frühstück nicht so haben. Doch auch der Billa enttäuscht. Mit Mühe ergattern wir 2 Wurst-Käse- Semmeln, 2 Activia und 2 Dosen Red Bull. Kaffee: Fehlanzeige!

Die Tropenschwüle macht uns träge, wir kämpfen uns noch die letzte Kilometer bis zum Campingplatz, kurz nach Sozopol, Check in, Platzsuche, Zelt aufstellen, alles fallen lassen und 50 Meter zum Strand schleppen! Wir haben es geschafft! Rein ins nicht sehr kühle Nass, das schwarze Meer hat Adriatemperatur, und dann für einige Stunden die Füße in den heißen Sand stecken.

Abends streifen wir mit den Massen durch die Altstadt Sozopols, knipsen und filmen ein wenig, und erleben dann ein weiteres Highlight von Unfreundlichkeit und Inkompetenz in einem Tourirestaurant. Auch an der Schwarzmeerküste ist man arm dran, wenn man kein bulgarisch beherrscht. Selbst nach einer Stunde haben wir bislang nur die Hälfte der bestellten Speisen erhalten, und das auch nur tröpferlweise. Es reicht! Wir zahlen und gehen. Ein wenig frustriert kehren wir zum Zelt zurück, stoppeln uns die Ohren zu, und versuchen zu schlafen. Neben uns herrscht noch einige Zeit Highlife und wir liegen im eigenen Schweiss! Voll super!

7. August 2010: sozopol

07. August 2010, Sozopol

Heute hält sich unser Tagebuch kurz. Heute ist Faulenzen angesagt. Doch nicht ganz. Bis 15 Uhr nachmittags sitzen wir im Schatten der Pappel neben unserem Zelt auf unseren ZEGA Koffern und tippen die letzten Tage in unseren Laptop. Wir hätten nicht gedacht, daß dabei die Zeit dermassen verfliegt. Endlich fertig und die Köpfe rauchen. Das schreit nach Abkühlung im Nass. Ein paar Strandstunden gehen sich noch aus. Wir sind schockiert von dieser Anhäufung von massiv übergewichtigen Menschen (vor allem Männer), die sich da auf ihren Handtüchern wutzeln und braten. Überhaupt haben die meisten männlichen Bulgaren etwas gorillahaftes, sowohl äusserlich, als auch im Wesen. Dies ergibt sich aus unseren intensiven subjektiven Feldstudien… Hingegen wirken die meisten Frauen beinahe modelhaft und gut gebaut. Irgendwie erinnert uns das an die Feuersteins.

Gegen 18 Uhr brechen wir in die Altstadt von Sozopol auf, um ein paar nette Fotos zu machen. Doch pünktlich erscheinen dicke Dunstwolken am Himmel und hüllen die Stadt in Schatten und Grautöne. Nix mit schönen Fotos. Das Gewurl hier ist der Wahnsinn. Eigentlich eine Tourifalle erster Sahne jedoch lieblich anzusehen mit ihren alten Holzhäusern. Und gemütlich kann es dann doch sein in den verwinkelten Gäßchen. Heute gibts Strassenessen. Ein Döner Kebab vom Standl, das mit echtem Döner aber sowas von nix am Hut hat. Wer mag Pommes und Kraut in seinem Laberl??? Nix für ungut. Nach zwei Ayran und einem Bier machen wir noch einen Verdauungsspaziergang Richtung Steilküste. Dort im Finsteren möchten wir einen holprig steinigen Pfad zum Wasser hinunterlaufen und nach ein paar Metern schon kippt Cordula mit dem linken Fuß um. AUWEH!!! Sieht nach Bänderzerrung aus. Heimhumpeln…

Doch wir sind perfekt ausgerüstet, der Fuß wird professionell getaped und morgen sieht die Welt sicher wieder anders aus. Alles wird gut!!

8. August 2010: sozopol

08. August 2010, Sozopol

Aus der geplanten Weiterfahrt wird heute nichts. Cordulas Fuß ist noch geschwollen und braucht Schonung. Ein weiterer Faulenztag ist ja auch nicht schlecht. Doch nicht ganz: Wir räumen die XT komplett ab und nehmen nur das notwendigste mit.

Heute gehts an einen Fluss nahe der türkischen Grenze. Ca. 45 Km südlich von Sozopol, zwischen Ahtopol und Sinemorets schlängelt sich der Veleka Fluss vom Strandza Naturpark zum Meer. Fast direkt an der Strasse sehen wir einige Boote und Landungsstege, wir beschliessen, uns genauer zu erkundigen. Ein Mann spritzt gerade mit dem Schlauch einen alten, halb verrosteten Safarijeep ab. Ihn fragen wir nach einer geführten Bootstour ins Naturreservat. Die Antwort lautet: es gibt nur eine Tour um 18 Uhr! Sehr super, jetzt ist es 11.30 Uhr – was tun? Der Mann ergänzt noch, daß in 15 Minuten jemand kommt, also beschliessen, wir zu warten. Tatsächlich, plötzlich taucht ein anderer Mann auf, der uns in gutem englisch fragt, wie er uns helfen kann. Er erklärt, für 2 Personen gibt es keine Tour, Minimum 5 Personen. Wir sollen doch ein Kanu mieten, und die Landschaft selbst erkunden. Gesagt, Getan. Und schon sitzen wir mit 2 Schwimmwesten und einem Paddel betsückt im Kanu, und bewegen uns erst mal Richtung Landesinnere.

Die Landschaft an den Ufern des Flusses erinnert sehr stark an die Lobau an der Donau in Wien und Niederösterreich. Hier und da sitzen Fischer am Ufer, sonst ist hier weit und breit keine Menschenseele. Es ist eine traumhaft wilde Natur, die wir hier erkunden. Wir sind noch nicht weit vom Ausgangspunkt entfernt, da können wir schon Schildkröten ausmachen, die träge auf ins Wasser reichende, oder im Wasser vermodernden Baumstämmen hocken. Sobald wir uns aber vorsichtig annähern, plumpsen sie ins Wasser und verschwinden. Auf den Blättern von gelb blühenden Seerosen (wunderschön!!!) sitzen Frösche, und sonnen sich, oder warten geduldig auf ihre nächste Mahzeit. Rote Libellen schwirren emsig durch die Luft…Natur pur… wir paddeln, und geniessen diese Stille und Einsamkeit. Irgendwann entschliessen wir uns, den Rückweg anzutreten, und nun dem Fluss bis zum Meer zu folgen. Wir merken, paddeln ist richtige Arbeit, vor allem bei Gegenwind, doch sie lohnt sich.

Der wahrscheinlich schönste Küstenabschnitt Bulgariens, der Strand von Sinemorets, tut sich auf. Laut Einheimischen vor 10 Jahren noch ein einsamer Robinson Crusoe Strand, aber auch jetzt noch nicht stark frequentiert. Das liegt wohl daran, daß man, um dort hinzugelangen, lange gehen muss und keine Hotelburgen weit und breit sind. Wir ziehen kurz das Kanu an Land und springen nackt in die Fluten. Hier ist das Meer dunkel, doch glasklar, und der Sand körnig, ein Traum. Nur schweren Herzens trennen wir uns von diesem malerischen Ort, hier ließe es sich länger aushalten.

Beim Heimfahren kommen wir noch an einem Lunapark in Ahtopol vorbei und Rudi macht ein paar Sozialstudien…

Abends gibts noch eine Kochsession vor unserem Zelt. Unsere bulgarischen Zeltnachbarn, Tony und Georgy, laden uns noch in eine nahe Strandbar zu Livemusik (Ethnorock) ein. Nach Mitternacht kehren wir etwas angedudelt heim, und verstauen noch einiges an Equipment am Motorrad. Ein heftiges Gewitter mit taghellen Blitzen zog vorüber und hat uns gerade noch verschont. Wer weiß, wie die Nacht wird?

9. August 2010: sozopol – istanbul

09. August 2010, Sozopol – Istanbul (388 km)

Gut war es alles verpackt zu haben, denn in der Nacht ist noch mal ein Gewitter mit einem kräftigen Schauer über uns gezogen und hat uns durch das Getrommel der Tropfen am Zelt geweckt. Viel zu zeitig läutet der Wecker, es hilft nichts, wir müssen raus. Erstmal wird starker Kaffee gebrüht, zum Munterwerden.

Inzwischen sind wir schon recht routiniert beim Verstauen des ganzen Campingzeugs. Trotzdem ist es 11 Uhr, als wir die Motroren starten und den Campingplatz verlassen. Vorher verabschieden wir uns noch von unseren beiden Zeltnachbarn. Georgy kriecht gerade noch rechtzeitig etwas benommen vom Vorabend aus dem Zelt.

Wir fahren über Tsarevo in den Strandza Naturpark. Ab hier liegen vor uns 65 Kilometer absolute Einsamkeit bis Malko Tarnovo an der türkischen Grenze. Hier ist Konzentration gefordert: die Strasse, kaum 100 Meter gerade Strecke, der Asphalt ist extrem griffig, aber ein rechtes Flickwerk und ein Reifenkiller. Gerade richtig für unsere Enduros, wir fühlen uns sehr wohl, zumal wir nur 2-3 Autos begegnen. Ein ständiges Auf und Ab durch lichte Eichenwälder in einem wunderschönen Hügel- und Bergland. Hier ist es auch nicht so drückend heiß. In dieser wilden Ecke leben Rehe, Wildschweine, Füchse, wilde Tauben und Schakale völlig ungestört. Es könnte einen ganzen Tag lang so weiter gehen, doch je aus dem Nichts taucht die Grenzstadt in einer Senke auf und es sind nur mehr knappe 10 Kilometer bis zur Grenzzeremonie. Aus Bulgarien sind wir schnell draussen, der Zöllner will nicht einmal unsere Pässe sehen. Doch dann beginnt der Marathon. Wir stellen die Mopeds am Rand ab und ein hifsbereiter Grenzbeamter erklärt uns mit einem freundlichen Lächeln den Ablauf. Doch es kommt anders, wir stehen gleich einmal beim falschen Schalter, die Fahrzeugregistrierung kommt später. Zuerstmal Haftpflichtversicherung abschliessen. Also raus aus dem Gebäude, und zum externen Kontainer, 2 mal 5 Euro zahlen und mit der Polizze wiedr zur Fahrzeugregistrierung. Und wieder sind wir falsch. Erst noch Stempel holen bei der Grenzpolizei. Das heisst anstellen. Mit dem Stempel wieder zur Fahrzeugregistrierung, doch jetzt stehen 10 Leute. Das heisst wieder warten. Und wieder sind wir falsch, denn vorher brauchen wir noch das Visum, das in den Pass geklebt wird und 2 mal 15 Euro kostet. Wir können nur mehr lachen! Diesmal werden wir gleich hereingewunken, und müssen nicht mehr uns anstellen. Die Fahrzeuge sind registriert, jetzt werden wir noch zum Zollchef geschickt, doch sein Raum ist leer, niemand da. Wir finden ihn dann doch draussen am Zollplatz. Er will nur wissen, ob wir nur privates Zeug haben, und schon sind wir für ihn erledigt. Yeah, wir haben es geschafft, doch noch nicht ganz. Wir rollen aus dem Zollareal hinaus, dann taucht da noch ein Schranken auf. In dem Karbäuschen sitzt noch jemand und möchte wieder alle Papiere sehen. Mit einem freundlichen Lächeln retourniert die Zöllnerin uns die Dokumente. Erst jetzt öffnet sich der Schranken, und wir werden in die Weiten der Türkei entlassen.

Eine erst 2008 fertiggestellte, 4-spurige Strasse (fragt sich nur, für wen die gebaut wurde, bei derart schwachem Grenzverkehr hier mitten in der Pampa…) auf der uns so gut wie niemand entgegenkommt, flitzen wir nach Kirklareli. Dieses umfahren wir in südliche Richtung und halten uns gegen die Schwarzmeerküste. Wir möchten Istanbul von Norden her erreichen, da die Einfahrt über die Autobahnen ein wahrer Horror ist.

Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, hügelig, fast ein wenig wie im Weinviertel, nur wesentlich heisser. Wir haben jenseits der 40 Grad. Ca. 100 km vor dem Bosporus gönnen wir uns die ersten Köfte mit Ayran. Frisch an der Strasse gegrillt, an einem einsam postierten Standel im kanadaähnlichen Nirgendwo.

Doch bald ist es Aus mit der Einsamkeit. Die von uns gewählte Strecke hier, wird auch gerade ausgebaut zu einer vierspurigen Autobahn. Das heisst, irrer Baustellenverkehr von halb wahnsinnig gewordenen LKW-Fahrern, Staub, und der normale PKW Verkehr. Und das auf einer schmalen, sehr kurvenreichen Auf und Ab Strasse durchs Hügelland. Ausserdem in einem desolaten Zustand. Unsere Konzentration ist sehr gefordert. Wir biegen bei Kemerburgaznoch einmal links weg von dieser Verkehrshölle und stossen bei Sariye direkt an den Bosporus.

Endlich geschafft! Auf der anderen Seite liegt Asien. Noch nie waren wir mit den Motorrädern diesem Kontinent so nah. Ob sich die Überfahrt machen lässt? Wir werden sehen. Jetzt sind wir mal fast an unserem Ziel der Reise: Istanbul! Grosse Freude! Das Dahinrollen an der Kaistrasse macht Riesenspass, zumal hier der erwartete Verkehr ausbleibt. Uns gehen die Augen über! Ozeanriesen neben uns auf dem relativ schmalen Wasser! Manchmal war sogar die Donau breiter! Beeindruckend schweben die beiden Hängebrücken hoch über uns und dann sind wir dem Wahnsinn ganz nah! Schweissgebadet stehen wir im allgegenwärtigen Stauirrsinn. Meter für Meter erkämpfen wir uns die Strasse. Hier herrscht das Gesetz des Stärkeren und Schnelleren. Motorräder werden nicht wahrgenommen, oder nur als Hindernis betrachtet, das zum Abschuss freigegeben ist. Busse die neben uns fahren drängen uns ganz einfach von der Strasse oder in den neben uns fahrenden Verkehr. Hier regiert die Hupe! Zum Glück kennen wir diese Verhältnisse schon aus dem Vorjahr und gehen die Sache recht cool an und behalten die Nerven. Das Geschiebe hier geht zum Glück auch ohne Aggression von Statten, was uns ein wenig erleichtert. Wir möchten uns heuer etwas mehr Komfort gönnen (Internet, Garage, gepflegtes Bad…), drum steuern wir das Holiday Inn in Topkapi an, das neben unserem Vorjahres- Zweisternhotel steht. An und für sich leicht zu finden, da es an der Strassenbahnlinie liegt. Doch wir rollen mangels Linksabbiegemöglichkeit schnurstracks daran vorbei und sind auch schon auf der Autobahn. Wer Istanbuls Autobahnen kennt, weiß, was das heisst. Der Weg zurück über drei Auf und Abfahrten war umständlich und nervig. Dann stehen wir davor! Wir sind happy! Wir haben die Durchfahrt heil überstanden!

Wir stehen an der Rezeption und möchten einchecken. Rudi gibt gleich mal den Pass ab und schwenkt zufällig kurz seinen Blick nach rechts und erspäht die Preistabelle: Er muss noch ein zweites Mal hinschauen! !!!! € 350,- PRO NACHT IM DOPPELZIMMER OHNE FRÜHSTÜCK!!! FRÜSTÜCK EXTRA € 15,-, pro Person versteht sich!! Wir schnappen nach Luft, die Spucke bleibt schlagartig weg und Rudi krallt sich sofort wieder seinen Reisepass. Mit gesenktem Haupt schleichen wir unbemerkt aus dem Hotel und checken gleich in der bekannten alten Hütte nebenan ein. Dann halt kein Komfort… € 40,- die Nacht mit Frühstück ist auch kein schlechtes Argument für das Zentrum von Istanbul. Wir sind auf einmal soo zufrieden!

Zum Abendessen gondeln wir noch um günstige 1,50 türk. Lira (€ 0,75) in die Altstadt nach Sultanahmet in eine wunderschöne, nette Ecke der Metropole und gönnen uns ein tolles Menü.

10. August 2010: istanbul

10. August 2010, Istanbul

Heute ist Sightseeing angesagt. Am Programm steht: Der grosse Bazar. Unfassbar, diese Menschenmassen. Ein Geschiebe und Gedränge ohne Ende. Eine Vielfalt an Sprachen. Macht Spass, sich darauf einzulassen. Stundenlang schlendern wir, die Augen gehen uns über, es ist ein Labyrinth aus Gängen, Winkeln, und Kojen. Bald haben wir die Orientierung verloren. Aus allen Seiten und Ecken ein Gerufe, ein Anbiedern, nicht aufdringlich wohl gemerkt. Es scheint uns, als hätte jeder den gleichen Kitsch und Ramsch feil zu bieten. Viele Verkäufer sitzen scheinbar gelangweilt vor ihren Kojen, oder sie spielen mit ihrem Nachbar eine Partie Backgammon auf abgenützten Brettern.

Wie in einem Adventuregame tut sich ein weiteres Tor auf, der Lederbazar. Ui, da haben wir etwas entdeckt! Viele nette Verkäufer wollen viele tolle Ledersachen an die Frau bringen. Cordi hat einen schwarzen Ledermantel anvisiert, dabei aber vergessen, daß wir hier in einem Bazar sind. Schon wird sie von einem charmanten Händler umgarnt und eingelullt.

Nach einer Stunde harter Arbeit auf beiden Seiten, inklusive einiger Apfeltees, ist der Deal perfekt, und das gute Stück erstanden, und alles wird gut! Die Zeit verfliegt, wir verlassen diesen geschichtsträchtigen Ort und wandern Richtung Gewürzbazar in Eminönü. Dabei verlieren wir mehrmals die Orientierung in dem Gassengewirr, doch der Sonnenstand hilft uns weiter. Den Gewürzbazar finden wir schlussendlich trotzdem nicht. So nehmen wir eine Fähre nach Üsküdar, im anatolischen Teil Istanbuls, denn das mit dem Rüberfahren auf unseren Mopeds haben wir uns schon abgeschminkt, wir sind ja nicht lebensmüde. Wir betreten asiatischen Boden, gönnen uns ein Döner und Ayran, schlendern ein wenig am Kai Richtung Kardeköy, um uns erneut mit einer Fähre zurück auf den europäischen Kontinent nach Besiktas schiffen zu lassen. Dort entern wir ein gelbes Taxi, das wegen einem vermeintlichen “traffic problem” einen gewinnbringenden Umweg über eine bezaubernde Parklandschaft nimmt. Wollma nicht so sein…

Der Fahrer nimmt uns für diese Mickey-mouse-Distanz 10 türk. Lira ab, aber Touris sind ja da, um zu bluten! Wir geniessen die tiefstehende Sonne vor der Ortaköy Moschee, mit der grandiosen Hängebrücke als Kulisse. Eigentlich wollen wir noch den Sonnenuntergang über der Stadt vom Galataturm aus geniessen. Darum nehmen wir einen klapprigen Autobus nach Tünel, doch leider stecken wir wieder mal fest im Stau. Hier spielt es nichts mit beschleunigtem öffentlichen Verkehr. Der Busfahrer schlägt sich eine Schneise durch den Abendverkehr, und wir schwitzen trotz offener Türe in dieser alten, lauten Kiste.

Mit der Schrägseilbahn (Tünel) fahren wir den Berg hoch, doch mit dem Sonnenuntergang wird es jetzt nichts mehr, die blaue Stunde hat längst Einzug gehalten. Somit beschliessen wir, die breite Fußgängerzone, eine Völkerwanderung ohnegleichen, nach Taksim hoch zu laufen. Dort wartet schon die Oldtimertramway, die uns im Schneckentempo wieder zurück Richtung Galataturm bringt. Wenn schon kein Sonnenuntergang, dann wenigstens Essen am Fuße des Turmes. Erschöpft, aber zufrieden staksen wir noch das sehr steile Gässchen durch das Künstlerviertel runter nach Karaköy, und fahren mit der völlig überfüllten Bim (Istanbul, die Stadt, die niemals schläft) gegen Mitternacht zurück zum Hotel. Fazit: das eigene Fahrzeug stehen lassen, und sämtliche Verkehrsmittel der Stadt ausprobieren! Sehr empehlenswert und kostengünstig! (2 TL)

11. August 2010: istanbul – souvli

11. August 2010, Istanbul – Souvli (386 km)

Ein wenig traurig verlassen wir die heimliche Hauptstadt der Tuerkei. Sie hat uns freundlich aufgenommen, fast verschluckt und bietet Eindrücke und Sehens,- und Erlebenswertes für ein ganzes Leben lang. Diese Warmherzigkeit, Offenheit, und ungespielte Freundlichkeit tat nach der distanzierten Kühlheit, mit unfreundlichen Akzenten Bulgariens der Seele gut. Trotz des stundenlangens Rausquälens aus dieser 19 Millionen Metropole (kilometerlange Staus wegen diverser Unfälle) können wir noch nicht so richtig loslassen und sind sicher, wieder kommen zu wollen. Erst auf der einsamen Küstestrasse entlang des Marmarismeeres unterhalb von Tekirdag lernen wir die Ruhe wieder zu schätzen. Die Strasse wird immer schmäler, die Gegend immer dünner besiedelt, und vor uns breiten sich die geilsten Schotterpisten aus. Entlang der beeindruckenden Steilküste mit herrlichem Fernblick über das Meer, bekommt auch Cordula so richtig Lust auf mehr Offroad.

Das Tempo hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesteigert. Heute sind auf diesen leckeren Sandpisten sogar schon über 70 km/h drin. Cordula fühlt sich auf ihrer XT, obwohl diese höher ist, als die 650er BMW, sauwohl. Hier ist wirklich best of West Türkei. Ein Enduristenparadies!!! Ideal für Fotos und Filmen!!! Der Tag neigt sich leider viel zu schnell dem Ende zu, die türkische Währung ist aufgebraucht, somit bleibt uns nurmehr, griechischen Boden anzupeilen. Bei Ipsala (Hudut) überqueren wir unkompliziert die Grenze (der Grieche winkt uns durch), die EU hat uns wieder. Was wir auch alsbald an den Preisen zu spüren bekommen. Kurz nach der Grenze biegen wir links in nördliche Richtung nach Souvli ab, und spulen die letzten 30 Kilometer schon recht müde ab. Rudi hat schon des längeren stärkere Kopfschmerzen. Die starke Sonne fordert ihren Tribut. Der 3 Litervorrat Wasser im Trinkbeutel ist aufgebraucht, und die Kehle staubtrocken. Sengender Abendwind bläst uns entgegen und dörrt uns aus, das Thermometer in Souvli mißt um 19 Uhr immer noch satte 37°C. Wir quartieren uns in ein Hotel ein.Es ist Zeit, ein paar Sachen zu waschen, Tagebuch zu schreiben und Internet zu gucken. Besides: wir befinden uns wiedermal in einer ziemlichen Gelsenhölle, bedingt durch den nahegelegen sumpfigen Grenzfluss. Abends bekommt auch Cordula ziemlich starke Kopfschmerzen. Zeit, auszuruhen!