Heute Nacht hatten wir beide nicht sehr fest und gut geschlafen. Zu groß war die Aufregung und viele Dinge schwirrten noch durch den Kopf: Haben wir auch nichts vergessen? Werden wir alles so schaffen, wie wir uns das vorgenommen haben? Stehen die Motorräder morgen noch vor der Tür? Wie wird es Opa in den 6 Wochen gehen, wenn wir nicht da sind? Immerhin sind 98 Jahre schon ein Alter! Wird das mit der Pflege und der Versorgung hinhauen?
Naja, jetzt können wir eh nix mehr ändern, wir sitzen am Frühstückstisch, schlingen die letzten Reste aus dem Kühlschrank unwillig hinunter und schweigen uns an. Der Blick aus dem Fenster verheisst nichts Gutes: Tief hängende, dunkle Wolken treibt der böige Sturm vor sich her. Beim Kahlenberg sieht’s nach Regen aus… Cordi kriegt die Krise, bei diesem Sturm mag sie gar nicht wirklich los. Doch die tobende Menge wird uns Beide in Kürze erwarten…
Cordula macht noch einen Rundgang durch die Wohnung, schliesst alle Fenster, schaltet den Strom ab, während Rudi das restliche Gepäck auf den Mopeds verzurrt. Langsam kommt Stress auf, (wie immer) Zeitmanagement war noch nie unsere Stärke… Um 10.00 Uhr sollen wir am vereinbarten Treffpunkt in Perchtoldsdorf sein, um 11 gehts los. Florian, ein lieber Freund und unser Kameramann für den ersten Tag, taucht auf und wir schliessen hinter uns die Pforte. Wir überlassen den Soldanellenweg für 6 Wochen seinem Schicksal. Dick und behäbig fühlen sie sich an, unsere Maschinen, und auf den ersten Metern schon kommen Gedanken auf, daß wir wieder doch wieder viel zu viel mithaben.
In Perchtoldsdorf bei Wien, keine 20 km weit, werden wir bereits von Niki erwartet. Kaffee und Kuchen stehen bereit. Sabines Schwiegermutter erfreut uns mit einem leckeren Marillenfleck. Wir sind gespannt, wer aller mit den Bikes kommt und uns ein Stück des Weges begleitet. Ein feines verwegenes, kleines Grüppchen an Bikern hat sich bei dem Wetter herausgetraut um uns hier zu verabschieden. Wir freuen uns riesig!
Ein wenig über eine Stunde wird noch gefachsimpelt, gescherzt und fotografiert, und um knapp halb zwölf ziehen wir mit Niki, Hana, Thomas, Reinhard und dem Kamerateam, Florian und Freunde, dem wir an dieser Stelle nochmals herzlich danken, los. Der Regen verschont uns, jedoch der Sturm macht uns zu schaffen. Über Landstrassen mühen wir uns Hainburg entgegen, um dort die Donau das erste Mal zu überqueren. Vorher gibt’s noch grosses Interview an der Tankstelle, Thomas entpuppt sich als Journalist und hält uns gnadenlos die Kamera vors Gesicht…
Eine Stunde später stehen wir am Ufer der March, bei Angern und warten auf die “Fähre”, die uns in die Slowakei bringt.
Satte 9 PS leistet der Aussenborder, der das Ponton über den Fluss treibt. Wir schiffen ein, als plötzlich ein kleiner Vogel vom Himmel fällt und direkt vor Rudis Füssen auf den Boden knallt.
Eine süsse kleine Babyschwalbe haben offensichtlich ihre Kräfte verlassen und die Schwerkraft tat, was sie immer tut. Zum Glück ist Florians Freundin angehende Tierärztin und dank ihrer Streicheleinheiten konnte der Vogel bald wieder in die Freiheit entlassen werden.
Grosse Verabschiedungszeremonie, Florian und Freunde aber auch Reinhard verlassen uns hier und wir streben den kleinen Karpaten entgegen. Es wird immer windiger, die Wolken dünkler und bei Pernek beginnt es sogar zu nieseln. Wir wollen nach Pezinok über eine traumhaft kurvige Strasse das Gebirge übersetzen, als Thomas in einer engen Rechtskurve das Hinterrad weggeht und er stürzt und am nassen Asphalt dahin schlittert. Zum Glück kein Gegenverkehr und auch niemand hinter ihm. Ein paar Blessuren an der Hose, der Jacke und am Motorrad, alles nicht weiter schlimm und wir düsen weiter den Berg hoch.
Leider erreichen wir nach ein paar Kehren ein Fahrverbot. Die geile Strecke wird heute für ein Bergrennen benutzt und ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Also, wieder retour und an der Westseite der Karpaten nach Bratislava. Dort verabschieden sich dann auch noch Hana und Thomas, denn der Hunger treibt sie Richtung Heimat.Ab jetzt ist es ernst und wir sind nun tatsächlich allein zu Zweit. Da die Zeit schon etwas fortgeschritten ist, kreuzen wir direttissima durch Bratislava und weiter der Donau entlang, unserem netten Zeltplatz an der Donau, unweit von Esztergom, entgegen. Das Wetter ist wieder ganz in Ordnung, die dicken Wolken haben es offensichtlich nicht bis hierher geschafft, so entschliessen wir uns, die erste Nacht im Freien zu verbringen.
