5. September 2010, Hafnersee – Wien (483 km)
Was soll man über einen letzten Tag einer Reise berichten, erzählen oder vermerken? Die Strecke von Kärnten nach Wien wäre ja schnell besprochen: Wir nahmen noch einen Schlenker über die Nockberge mit, um es nicht ganz so direkt zu machen und das Ende noch ein wenig rauszuzögern.
Doch wollen wir an dieser Stelle wirklich über unsere Gefühle referieren? Einen Rückblick machen? Über unsere tranceartige Wahrnehmung auf den letzten Kilometern schwadronieren?
Wir glauben, jeder, der schon einmal so lange unterwegs war und mit täglich neuen Eindrücken gefüttert wurde, hat am Ende seine Probleme, dem physischen Ich in der realen Alltagswelt hinterher zu hecheln. Und das kann noch Tage dauern, wenn nicht sogar Wochen.
Soll heißen: Während unsere Motorräder mit zwei Körpern drauf schon auf der Autobahn nahe dem Semmering monoton in Richtung Wien donnern, schwirren unsere Geister gerade mal noch irgendwo an der kroatischen Küste herum, umarmen das balkanesische Lebensgefühl, in der Hand einen Cocktail an unbeschreibbaren Emotionen.
Und einen Rückblick oder eine Zusammenfassung werden wir uns an dieser Stelle auch ersparen. Wer jetzt noch nicht genug hat, was wir verstehen können, der soll halt noch mal von vorne zu lesen beginnen. Wem es zuviel zu Lesen ist, der wird mit einer Retrospektive möglicherweise auch kein Feeling mehr bekommen, was Balkan ist und wie sich eine Reise durch diese bunte Welt anspürt, was aber auch nichts ausmacht.
04. September 2010, Jugorje (SLO) – Hafnersee, Kärnten (485 km)
Wir fühlen uns ja schon fast wie daheim: Ein Frühstück wie in einer österreichischen Hotelpension, mit allem Drum und Dran! Lecker! Starker Kaffee, div. Wurst und Schinken, Käse, weiches Ei, Marmeladen, Honig und frische Butter! Was uns teilweise unterwegs als Butter verkauft wurde, war fast gemeingefährlich. Doch wir wollen so gar nicht ernsthaft an daheim erinnert werden. Auch nicht mit einem Frühstück. Slowenien ist aber halt schon so gut wie daheim. Kulinarisch, landschaftlich so wie so und die Mentalität ist uns auch nicht sehr fremd. Das löst spontan eine kleine Depression in uns aus. Wir fühlen uns wie mit dem Katapult in die Gegenwart geschossen.
Doch wir haben trotzdem noch fahrtechnisch einiges zu erledigen. Drum legen wir los. Slowenien will durchquert werden, was jetzt in Anbetracht der Grösse dieses Landes aber keine wirkliche Herausforderung mehr an uns stellt. Jedoch haben wir vor, unseren in Kärnten, am Hafnersee, urlaubenden Freund Reinhard zu besuchen, der uns ja auch zu Beginn der Reise ein Stück des Weges begleitet hat. Der See liegt nun nicht ganz auf unserer Route Richtung Wien, daher heisst es ein bissl Gas geben heute. Reinhard hat uns eingeladen, doch bei ihm vorbeizuschauen. Schlafplatz wäre in einem gemieteten Wohnwagen gecheckt, somit gibt’s für uns kein Hindernis, den kleinen Umweg über “Nordslowenien” zu nehmen. Einzige Voraussetzung wäre wohl, er hält unseren inzwischen beachtlichen Grundmief aus, den unsere Motorradkluft verströmt.
Slowenien selbst ist doch tatsächlich ein wahres Motorradparadies. Sowohl für Asphaltcowboys als auch für Enduristen mit grossem und kleinem Gerät. Mit einer guten Landkarte bestückt und im Navi “Die kürzeste Route wählen” eingestellt, wird man durch die wildesten, abgelegensten Gegenden geführt, über Stock und Stein, einsame Pässe und die verwinkeltsten Strasserln.
Wir haben leider nicht mehr soviel Zeit, drum steuern wir bald mal ziemlich direkt den Loiblpass an. An den Flanken der Julischen Alpen hängt schweres Gewölk und lässt uns nichts gutes erahnen. Doch bis dahin ist es noch ein schönes Stück und wir wollen nicht so negativ denken. Doch Wetter kannst du dir nicht erdenken und auch nicht herbeiwünschen, es ist wie es ist und es musste ja so kommen. Kaum durch den Tunnel wieder österreichischen Boden unter den Reifen, zieht irgendwer am Schnürl und die Schleusen gehen auf, wie sich’s niemand, auf zwei Rädern unterwegs, wünschen mag. Nicht nur das Wasser fällt vom Himmel, auch die Temperatur am Thermometer und wir blicken sehnsuchtsvoll und schlotternd auf die Tage der griechischen Hitze zurück. Österreich hat uns wieder und wir lieben es, wie es ist! Oder doch nicht? Noch viel zu weit sind unsere Gedanken weg in südlichen Gefilden und die Konzentration gehört im Moment ganz der Fahrbahn, als daß wir nun darüber philosophieren wollen. Keine Sicht, kein Grip und wo bitte ist der Hafnersee??? Es wird uns bald zu bunt und wir halten irgendwo an der Wörthersee Südseite an und telefonieren mal mit Reinhard, nachdem uns das Navi irgendwo in der ärgsten Pampa herumführt. Wir haben jetzt bei dem Kackwetter echt keine Lust auf Pampa!!! Kapiert, du blödes Navi?? Vielleicht sollten wir es doch wieder zurückstellen auf “Die schnellste Route wählen”… Sorry, Navi… Wir sind also eh auf gutem Weg und nur mehr ein paar Kilometer vom Ziel entfernt. Der Grossregen hat sich jetzt mit dem Kleinregen abgewechselt doch wir sind ja eh schon klatschnass und gleich da, im Seehotel Hafnersee. Ganz versteckt liegt dieser kleine Ableger des Wörthersees gleich neben dem Keutschachersee. Noch nie gehört. Do worma no nit!
Jetzt heisst’s wieder mal rausschälen aus den nassen Klamotten und hoffen, dass das Zeug bis morgen annähernd trocken wird. Wir beziehen unsere Koje im Wagen des Wohnwagenparks, der an das Hotelgrundstück anschliesst und haben viel zu erzählen. Am Abend blinzelt doch noch kurz die Sonne zwischen den aufsteigenden Dunst- und Nebelschwaden hervor, was unsere Zuversicht ein wenig steigert, morgen trockenen Rades heim zu kommen.
P.S. Fotos gibt’s heute keine, fahrt’s hin und schaut es euch selber an…
03. September 2010, Prizba (Insel Korcula) – Jugorje (SLO) (435 km)
Die Nacht war kurz und wieder einmal nicht ungestört. Alle Campingplatzbewohner waren ruhige Zeitgenossen, nur 2 junge Neuankömmlinge wollten es wieder wissen und liessen es bis 2 Uhr krachen. Wir dachten, es sei schon 4 Uhr und Zeit zum Aufstehen, doch es waren diese assozialen Koffer. Um vier dann schlaftrunkenes Aufstehn und ferngesteuertes, restliches Einpacken bei stockfinsterer Nacht. Rudi liess noch zirka 10 Minuten die BMW warmlaufen, den Auspuff direkt ins Nachbarzelt gerichtet, ist ja nicht gesund, mit kaltem Motor loszufahren und stolperte eigenartigerweise dauernd über die Zeltschnüre der assozialen Nachbarn, dass die Heringe nur so flogen… Und dann ist er aufgewacht und alles war leider nur ein böser Traum. Aber ein bisserl schön wärs schon gewesen, Rache zu nehmen.
Wir rollen lautlos vom Campingplatz in die dunkle Nacht Richtung Vela Luka zum Hafen. Dort angekommen, dämmert es bereits und wir sind nicht die Ersten hier. Eine Gruppe Snobiliener mit ihren geschniegelten Touren BMWs, geschnäuzt und gekampelt und duftend, frisch rasiert stehen sie mit ihren Tussis da und warten genauso wie wir auf das Schiff. Wenigstens haben sie noch keine Kraft zu lärmen.
Plötzlich um sechs biegt das riesige Fährschiff ums Eck und parkt sich in dem kleinen Hafenbecken zielsicher ein. Stolze 4 Autos Fracht löscht sie und dann sind wir an der Reihe. Und mit uns noch mehrere LKWs und viele Urlauber PKWs, die sicher schon die ganze Nacht hier gewartet haben müssen, so fertig sehen da manche aus.

Wehmut kommt bei uns auf, als die Sonne übern Meer aufgeht und wir aus dem Hafen auslaufen. Das wird einer der letzten Blicke auf das Meer werden für dieses Jahr. Wie die Zeit verflogen ist. Jetzt sind wir doch glatt schon fast daheim. Wie im Flug vergehen auch die 3 Stunden Fahrzeit bis Split. Viel zu sehen gibt es auf der Fahrt entlang der Inseln Dalmatiens. Vorbei an Hvar und Brac schippert die Fähre schliesslich durch einen engen Kanal auf die Hafenstadt zu. Um 9.15 Uhr sind wir wieder auf festem Boden und gondeln durch Split Richtung Trogir. Dort biegen wir vom Meer weg, in die Berge. Über Sibenik steuern wir den Krka Nationalpark mit seinen Wasserfällen an, und möchten wieder mal eine Bootsfahrt unternehmen. Doch der Anblick des riesigen, vollen Parkplatzes und den Schlangen bei den Kassenschaltern macht uns schon etwas stutzig. Bei der Information holen wir die nackten Tatsachen ein: Nationalparkgebühr 95 Kuna, pro Person versteht sich, und dann noch 120 Kuna pro Person fürs Boot. Das bedeutet, für etwa 2 Stunden, die wir uns Zeit nehmen können, würden wir jeder 30 Euro löhnen und uns mit Milliarden anderen Touris herumschlagen müssen. NJET!!! So nicht! Wir satteln die Pferde und düsen weiter. Wasserfälle gibt es bei uns genug, und die Nationalparks sind gratis!
Wir fahren weiter über das Hinterland Kroatiens, über kleine Strasserln, manchmal auch Schotter, Richtung Obrovac. Eine etwas mulmige und traurige Stimmung kommt auf, als wir an zahlreichen zerstörten oder verlassenen Einfamilienhäusern vorbeifahren, oder durch ganze, ausgestorbene Dörfer rollen. Vor 16, 17 Jahren herrschte hier noch buntes Leben…
Nach Obrovac stehen wir plötzlich vor einem Bergmassiv, dem Velebitgebirge, das es zu überqueren gilt. Das mulmige Gefühl verstärkt sich noch, als zu den zerschossenen Häusern alle paar hundert Meter Tafeln vor Minen im Gelände neben der Strasse warnen. Wir spulen uns hoch, zunächst noch auf supergutem Asphalt. Doch dann…Schotter… sehr zu Rudis Freude und sehr zu Cordulas Entsetzen. Sie hatte gehofft, das Thema Offroad für diese Reise bereits überstanden zu haben. Also gut, systematisch, konzentriert raufarbeiten. Kehre für Kehre schraubt sich die Bergstrasse an den Felswänden hoch. Man gewinnt den Eindruck, in den Dolomiten zu sein. Karg, schroff, felsig, trocken und steil abfallend. Der Fernblick ist atemberaubend. Unter uns schmiegt sich die noch sehr junge Autobahn an die Felshänge und verschwindet dann in einem fast 6 km langen Tunnel. Wir sehen bis ans Meer und könnten wir ums Eck schielen, würden wir bis Zadar sehen.
Am Pass tauchen wir dann in die Welt von Karl Mey ein und mit dem geistigen Auge sehen wir Winnetou durch die Prärie reiten. Teile der Filme wurden hier in dieser beeinduckenden Landschaft gedreht. Nur die vielen Gedenktafeln und Grabsteine entlang der Bergstrasse verbreiten ein wenig Traurigkeit. Die Mehrzahl der Gefallenen ist Geburtsjahr um 1970. Alle im Krieg um ’92 oder ’93 zu Tode gekommen. Die Landschaft birgt Schönheit, Nostalgie und Tragik in sich. Der Tourismus wird wohl hier noch sehr lange warten müssen. Nur auf spärlichen Flächen stehen Bienenstöcke aber sonst regt sich hier nichts. Kein Mensch, kein Tier wagt sich hierher in die minenverseuchten Wälder und Wiesen. Mit einem Schlag ändert sich bei der nordseitigen Abfahrt die Vegetation. Dichter Laubwald begleitet uns ins Tal. Doch die Gegend bleibt gezeichnet von der ethnischen Säuberung in den Neunzigern. Gespenstisch mutet die Fahrt über zig Kilometer an. Mit leeren Augen sehen uns die Häuser an, davor verwilderte, werwucherte Gärten, aus den Fensteröffnungen schwarze Russspuren, am Mauerwerk Spritzer von Granatexplosionen, oder sie sind komplett eingestürzt. Trotzdem quält uns schon seit langem der Hunger. Wir steuern das nächste Strassenrestaurant mit Griller an und hauen uns ein fettes Spanferkel rein, schmatz!

Eigentlich wollen wir heute nur noch raus aus Kroatien. Denn die Situation auf der B1 Richtung Karlovac wird nur durch den Abstecher über ein winziges Strasserl zu den Plitvicer Seen unterbrochen. Ein beruhigendes Naturreservat, das wieder voll und ganz dem Tourismus geopfert wurde. Ein letztes Mal werden wir noch in Karlovac selbst an die Wirren des letzten Balkankrieges erinnert dann rutschen wir bei Metlika über die Grenze nach Slowenien. Es ist inzwischen dunkel geworden, haben schon einige Kilometer in den Knochen, der Tag ist schon sehr lange und wir finden bald ein nettes Quartier in Jugorje auf einer sehr geilen Kurvenstrasse. Wir freuen uns schon auf morgen, durch Slowenien zu surfen. Noch ein Bier, dann fallen wir ins Bett.
02. September 2010, Prizba (Insel Korcula)
Angenehm ruhig war es heute erwartungsgemäß in der Nacht. So stehen wir erholt um 8.30 Uhr auf, und Rudi läuft zum Supermarkt, um Frühstück zu holen.

Heute machen wir es uns auf diesem klitzekleinen Strand mit den 4 Sonnenschirmen gemütlich. Eigenartiger Weise ist das Wasser genauso kalt, wie es aussieht. 21 Grad mißt eine Frau aus Oberösterreich mit ihrem Badethermometer. Das lädt uns gar nicht zum Baden ein. Ins Wasser gehen artet zu einer endlosen Zeremonie aus.

Mehr gibt es heute nicht zu berichten, da wir einfach nur chillen. Abends werden wir noch etwas kochen, dann schon für morgen packen, denn es heißt um 6.15 Uhr eine Fähre von Vela Luka (Korcula) nach Split zu erreichen.
01. September 2010, Dubrovnik – Prizba (Insel Korcula, 160 km)
Wir sind die ersten am Frühstückstisch und bekommen wie versprochen ein umfangreiches english Breakfast. Da schauen die Italiener, die um den gleichen Preis gerade mal zwei Cafelatte schlürfen dürfen.Wir haben auf dieser Reise das Verhandeln gelernt.

Die Grundtemperatur bleibt herbstlich kühl, auch wenn uns vom Morgen weg die Sonne begleitet. Über die Franjo Tudjman Brücke, die eine Meeresbucht überspannt, verlassen wir Dubrovnik und Rudi bekommt gleich einmal wieder die ruppige und rücksichtslose Fahrweise der Kroaten zu spüren. Ein besetzter Kleinbus überholt uns und fährt so knapp an uns vorbei, daß er mit dem Spiegel Rudi streift. Mörder sind das!!!

Ein Stück der an und für sich tollen Küstenstrasse müssen wir nordwärts fahren. Doch wenn man sie einmal gesehen und gefahren ist, meidet man sie am Besten. Zumindest in der Hochsaison. Unzählige Wohnwagen, Wohnmobile, LKWs und Busse gondeln dahin und wegen der vielen Kurven und dem starken Gegenverkehr ist überholen so gut wie nie möglich. Ab Split würde es wegen der Autobahn dann besser werden, doch bis dahin sind es noch über 200 km. Daher vertschüssen wir uns bei Ston auf die Inselwelt Dalmatiens. Unser Ziel ist irgendwo auf Korcula. Nach fast 5 Wochen Arbeit, Arbeit, Arbeit wollen wir die Reise noch mit einem entspannten Nichtstu- und Badetag in der Einsamkeit ausklingen lassen.

Vorher halten wir aber noch in Ston, wir möchten uns die Befestigungsanlage ansehen. Das vergeht uns aber gleich bei einem Eintrittspreis von 4,50 Euro pro Person. So machen wir einen kurzen Rundspaziergang und sehen uns das Mauerwerk von unten an. Noch ein schneller Espresso, dann geht es weiter nach Orebic zur Fähre nach Korcula. In jedem Fall war dies eine weise Entscheidung, denn hier gibt es kaum Verkehr, und es ist landschaftlich mindestens genauso schön, wia entlang der Küstenstarsse am Festlan., Vielleicht sogar einen Tick schöner, weil man immer wieder Gelegenheit bekommt, auf der einen Seite auf ‘s offene Meer zu schauen, und auf der anderen Seite das schroffe Gebirge im Hinterland Kroatiens sieht.

Wir geniessen die Fahrt über die Insellandschaft in gemütlichem Tempo. Irgendwann biegen wir ein schmales Strasserl Richtung Brna links zur Küste hinunter ab. Von jetzt an tuckern wir Bucht um Bucht entlang des Wassers, von Felsen eingesäumt, und halten Ausschau nach einem Schlafplatz. Dann plötzlich um eine Biegung leuchten uns 4 weisse Sonnenschirme entgegen. Ein Miniinselchen liegt neben uns im Meer und ist nur einen 30 Metere langen, schmalen Kiessteg mit dem Festland verbunden. Ein Anblick, wie aus dem Reiseprospekt. Grünblau und glasklar leuchtet das Wasser. Wir wissen sofort, hier müssen wir bleiben. Etwa 2 Kilometer danach entdecken wir ein unscheinbares Schildchen: Autocamp in Prizba.

So einen herzigen Campingplatz haben wir überhaupt noch nie gesehen. Von einer Steinmauer eingefasst stehen unter niedrigen Olivenbäumen nur ein paar Zelte. Etwa 30 Meter breit und 80 Meter lang ertsreckt er sich über 2 kleine Terrassen, dazwischen eine Laubenterrasse zum Sitzen und Essen, daneben eine blitzblanke Küche und Sanitäranlagen. Und das ganze trotz nur einem Stern. Wir fühlen uns gleich wahnsinnig wohl, und würden es hier länger aushalten. Jedoch unser Projekt neigt sich leider dem Ende zu. Dabei würde es erst jetzt so richtig angenehm und still an den Stränden werden Wir stellen schnell das Zelt auf, und sehen zu, daß wir die letzten Stunden des Tages noch am 30 Meter entfernten Strand geniessen. Abends holen wir uns aus dem nahegelegnen Supermarkt noch ein paar Zutaten für unser Abendessen und wärmen uns die übriggebliebene Pizza. Unsere Stimmung ist leicht gedrückt. Das Heimfahren fällt uns sehr schwer, der Gedanke, nur noch ein paar Tage bis zum Alltag zu haben, lähmt uns ein wenig. Selbst der Grundmief in unseren Koffern, und Schlafsäcken, die völlig verdreckten Motorräder und die fast komplett abgefahrenen Reifen, würden uns nicht daran hindern, noch ein paar Wochen anzuhängen.
31. August 2010, Mostar – Dubrovnik (147 km)
Jaja, das Tagebuch! Da haben wir uns was angefangen! Um die letzten 5 Tage in die Website einzupflegen, geht der ganze Vormittag drauf! Schüne Dünngük! Um 12 kommen wir weg, wenigstens ist gegen die Prognose der Kellnerin von gestern abend das Wetter traumhaft schön. Nicht mehr so heiss, wie in den letzten Wochen, endlich erträgliche Temperaturen.
Cordula kontrolliert nach vier Wochen endlich mal den Reifendruck! Schnell wird klar, warum so gar nix weitergeht, und sie ständig über ein walkendes Motorrad klagt und der Reifen nicht hält. Es fehlen 0,8 bar am Hinterreifen und 0,5 vorne. Ohne Worte…
Wir biegen bald von der Hauptstrasse links nach Stolac ab und sind wieder mutterseelen alleine in der grossartigen Landschaft der Herzegowina. Wir meditieren wieder vor uns hin, bei einer Geschwindigkeit von 90 km/h und der Rhythmus der Kurven könnte den ganzen Tag so weiter gehen. In Trebinje gibts einen kurzen Tankstopp mit Snickers und Red Bull, für Cordula war die Strecke ein bisschen zu meditativ, sie war schon fast am Wegknacken hinterm Lenker.

Nur noch 25 km sind es bis nach Dubrovnik, unserem heutigen Tagesziel. Kurz davor schlängeln wir uns noch einen Pass hinauf, um oben mit einem atemberaubenden Blick auf den kroatischen Küstenstreifen mit den vorgelagerten Inseln belohnt zu werden. Wir können uns kaum sattsehen.
Einige Kilometer noch, dann verlassen wir Bosnien-Herzegowina schon wieder. Vor jedem Grenzübertritt wird uns bewusst, wie gerne wir noch viel mehr Zeit in dem jeweiligen Land verbracht hätten. Das zwingt uns zum Wiederkommen. Etwas skurril mutet der noch immer provisorisch aussehende Grenzübergang mit seinen in den Asphalt geschraubten und händisch zu bedienenden Schlagbäumen an. Containerbaracken dienen den Zöllnern als Büroräume. Kein Grenzzaun weit und breit hier an dem schmalen Küstenstreifen. So angenehm die Fahrweise der Bosnier war, umso aggressiver erscheinen uns die viel reicheren Kroaten mit ihren modernen Schüsseln auf der Strasse. Hier heisst es wieder gut aufpassen! Sie kleben dir im Heck und überholen so knapp, dass die Spiegeln streifen…

Wir winden uns hinab zum Meer und hinter der Felskante taucht auch schon Dubrovnik auf. Gleich an der Stadeinfahrt biegen wir zur Altstadt hinunter und folgen dem ersten “Sobe”-Schild. Zum Zimmerpreis von 50 Euro verhandeln wir uns noch ein Frühstück dazu und sind glücklich so nah am Zentrum zu wohnen. Nach einen Begrüssungsgrappa laufen wir gleich die tausend Stufen hinunter zum grossen Tor in der historischen Stadtmauer. Dort sehen wir, daß es eine Seilbahn auf den Hausberg von Dubrovnik gibt und biegen gleich nochmal die 50 Meter zur Talstation ab. Für geschmalzene 10 Euro pro Person lassen wir uns durch luftige Höhen auf den Gipfel befördern. Die Aussicht ist aufgrund der glasklaren, ausgewaschen Luft unendlich weit. Wenn die Erde keine Krümmung hätte, würden wir bis Wien sehen…
Weit sichtbar klotzt das weisse, 15 Meter hohe Steinkreuz und sagt allen, wer hier das Sagen hat.
Wieder im Tal, verschluckt uns dieses süsse kleine Städtchen, das sich hinter einer mächtigen, uneinnehmbaren Stadtmauer verbirgt. Rudi ist phasenweise sehr genervt, da er in nur kurzer Zeit bis zum Sonnenuntergang einige Einstellungen und Fotos machen möchte und die Touris die meisten Motive elendslang blockieren oder blöd ins Bild rennen und dort formatfüllend verharren.

Cordula hat sich sofort in dieses Städtchen verliebt. Die Luft bleibt uns weg, als wir an die küstenseitige Stadtmauer spazieren und über eine kleine Maueröffnung einem Schild folgen: “Cold Drinks”. Terrassenartig hat sich in die Felswand eine Bar eingenistet und bietet ein atemberaubendes Schauspiel. Über 40 HM windet sich Balkon für Balkon der Weg, mit Tischchen und Stühlen bestückt, hinunter bis zur wilden Brandung an den Felsen. Unten ermöglicht dann noch eine Leiter ins wilde Wasser zu steigen. Winzige betonierte Platzerln laden zum Verweilen ein um den Sonenuntergang zu beobachten. Kaum ist die Sonne weg, wird es empfindlich kühl. Wir machen uns auf den Weg in ein verstecktes Gasserl und machen heute Pizzatag. Die Calzone kommt doppelt pro Portion, macht nix, der Rest wird mitgenommen und morgen verspeist. Über tausend Stufen schleppen wir unsere vollen Bäuche wieder hoch zum Quartier.
30. August 2010, Trsa – Mostar (209 km)
Um 8.00 Uhr öffnen wir unsere kleine kuschelige Hütte, und der Ausblick ist einfach wunderbar. Bei strahlend blauem Himmel eröffnet sich uns das gesamte Durmitor-Hochplateau in all seiner Weite. Nur ziemlich frisch ist es noch. Wir brühen uns einen heissen Kaffee, dann das mittlerweile routinierte Einpacken (nach 4 Wochen sollte auch schon jeder Handgriff passen!). Während wir so herumwurschteln, kommt ein Motorradfahrer vorbei, Peter, aus Bad Aussee, der mit seiner von HPN umgebauten R100GS unterwegs ist. Er hat sogar noch ein schwarzes Kennzeichen! Ausserdem führt er seinen Gleitschirm mit, falls mal der Wind passt. Ein lustiger, uriger Typ.

Wir plaudern ein bißchen, doch dann ist es Zeit, aufzubrechen. Wir biegen auf eine kleine einspurige Strasse Richtung Srecan Polje an der bosnischen Grenze. Zunächst noch auf Asphalt bewegen wir uns auf und ab in den schier endlosen Weiten dieses Hochplateaus. Es ist steppenartig, dazwischen vereinzelte Hütten, ein paar Schafherden, sonst nur Einsamkeit. Nach 13 Kilometern gelangen wir in den Nadelwald, hier wird die Strecke zu einer schottrigen Forststrasse. Sehr griffig, kaum größere Steigungen oder Abfahrten. Der ganze Wald duftet nach Holz und Schwammerln.

Man könnte meinen wir sind in der Steiermark, oder im Waldviertel. Langsam aber doch führt der Weg bergab. Dank Rudis perfekter Linie schafft auch Cordula diese Herausforderung bis auf 2-3- Kurven relativ entspannt. Nach wiederum etwa 13 Kilometern stoßen wir wieder auf Asphalt und nun geht es steil bergab in die Taraschlucht. Links von uns sehen wir immer wieder den grün schimmernden Fluss. Er schneidet sich einsam tief in dei Bergwelt hinein. Keine Strasse kein Weg, kein garnichts begleitet ihn. Nach fast 1000 Höhenmetern Abfahrt stoßen wir auf die montenegrinische Grenzstelle. Kaum haben wir diese, sowie die bosnische Grenzstelle passiert, fahren wir weiter Richtung Foca.

Kurve um Kurve geht es auf recht gutem Asphalt dahin. In Foca biegen wir links ab, und fahren nun auf der anderen Seite fast das gesamte Tal wieder zurück. Doch bald biegt die gut ausgebaute, kurvenreiche Strasse weg vom Fluss, hinein ins bosnische Gebirge der Republika Srpska. Wir fühlen uns in dieser Landschaft wieder mal wie in den heimischen Bergen. Erst als wir über einen Pass kommen, ändert sich das Klima und die Landschaft abrupt. Der saftig grüne Laubwald wechselt zu steppigem, karstigen Buschland.
So geht es über die wellige Hochebene bei auffrischendem Wind dahin bis hinunter nach Gacko. Ab hier folgt eine traumhafte Strasse durch ein mäanderndes Tal neben einem ausgetrockneten Flussbett. Menschenleer ist diese Gegend, viele leerstehende Häuser. Hier sind noch die Wunden des Krieges deutlich sichtbar, aber am verheilen. Für uns ist es eine Erholung, stundenlang nur ein oder zwei Autos zu begegnen. Sehr meditativ. Langsam entwickelt sich Bosnien-Herzegowina zu unserem Lieblingsland. Es ist die Gesamtheit, die es so sympathisch macht.
Diese unglaubliche landschaftliche Vielfalt, die Weite des Landes, die äusserst geringe Bevölkerungsdichte und die unaufdringliche Herzlichkeit der Bevölkerung. Von den Kriegswirren noch ein wenig geknickt, doch mutig und zuversichtlich in die Zukunft blickend. Sehr ums Wohl der Gäste bemüht, ohne sie ausnehmen zu wollen. Man spürt die ehrliche Freude und fühlt sich wirklich willkommen.
Dann eine kurze Schrecksekunde: Ein Aufschrei in Rudis Helm, Cordula hat eine Biene in den Hals gestochen! Au weh!! Wir schleifen uns sofort am Strassenrand ein und zücken die Notfallapotheke. Ein Antiallergikum wird eingeworfen und alles ist gut!
In Mostar angekommen, entscheiden wir uns, in der Pension Rose um Quartier zu fragen. Wir kennen diese Bleibe aus dem Jahr 2008. Wir wollen nicht lange suchen, denn wir möchten das Tageslicht ausnützen, um in Mostar zu filmen und zu fotografieren. Wir haben Glück, für 40 Euro bekommen wir ein Zimmer mit Frühstück, und WiFi gibt es auch. Endlich, denn unsere Homepage ist sträflich vernachlässigt worden in den letzten Tagen. Rasch auspacken und duschen, dann zieht es uns in die Altstadt. Wir sind noch nicht mal bei der historischen Brücke von Mostar angelangt, da beginnt es auch schon zu regnen. Das kann jetzt einfach nicht wahr sein! Endlich haben wir mal ein bißchen mehr Zeit, und dann spielt uns das Wetter so mit? Der Schauer ist rasch vorüber, und wir bummeln durch den muslimischen Teil der Stadt. Gegen 20 Uhr ist es vorbei mit dem Licht, und wir machen uns auf die Suche, nach einem netten Restaurant, denn Hunger macht sich breit. Doch nun macht uns das Wetter endgültig einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich setzt der Regen wieder ein, wird heftiger und will gar nicht mehr aufhören. Wir sitzen fest, oder besser gesagt, wir stehen unter einem Sonnenschirm eines Hotels und können nicht mehr weiter. Die Kameras würden ein Durchlaufen des sturzbachartigen Regens nicht unbeschadet überstehen. Was tun? 15 Minuten stehen wir ratlos da. Doch es wird immer kälter mit den nassen kurzärmeligen T- Shirts. Kurzerhand hüpfen wir durch die bereits schwimmende Strasse in das Hotel, um dort zu speisen und uns ein wenig aufzuwärmen. Bevor wir gehen, organisieren wir uns noch 2 Plastiksackerl, um unser Equipment unbeschadet ins Quartier zurückzubringen. Im Laufschritt eilen wir die paar Kilometer nach Hause, versorgen noch das nasse Zeug und fallen müde ins Bett.
29. August 2010, Jezero Biogradska Gora – Trsa (144 km)
Das mit der ruhigen Nacht war nur Wunschdenken. Um 3.30 Uhr drückt Rudis Blase. Zum Glück, denn schwere Tropfen prasseln auf das dichte Laubdach der großen Buchen nieder. Regen? Gestern noch schweineheiß und wolkenlos, und jetzt Regen? Egal, schlaftrunken machen wir auf den Motorrädern alles regendicht und legen uns wieder nieder. Den Wecker um 7 Uhr ignorieren wir, und schlafen weiter bis um 8 Uhr. Jetzt hat der Regen aufgehört, doch alles ist pitschenass. Es ist empfindlich kühl geworden, wir schätzen 13 Grad!!! Ziemlicher Temperatursturz für uns Sonnen- und Hitzeverwöhnte. Kaum daß wir die Augen offen haben, werden wir auch schon mit grauenvoller Discomusik von einem anderen Camper viel zu laut zwangsbeschallt. Es ist uns unverständlich, warum jemand in die Stille und Einsamkeit der Natur fährt, und dann nicht nur sich, sondern auch die Umwelt mit Lärm verseucht. Was nützen die schönsten, entlegensten Erholungsgebiete, wenn völlig enthirnte Zeitgenossen den Sinn des Ganzen nicht verstehen. Einfach weg und weiter. Cordi friert ein wenig und wärmt sich bei einem heissen Frühstückstee.

Kaum wieder auf der Hauptstrasse treffen uns auch schon die ersten Regentropfen, die ganze Regenzeuganzieh- und Abdeckzeremonie kostet wieder Zeit. Doch der Regen ist nur von kurzer Dauer, bald sind die Strassen wieder trocken. Aber der Himmel bleibt bleischwer und die Berge ringsum nebelverhangen. Dies tut der Schönheit des Taratales ab Mojkovac jedoch keinen Abbruch. Wir schlendern gemütlich durch den Canyon bis zur sehr beeindruckenden 139 Meter hohen Tarabrücke, die die Schlucht in 5 Bögen überspannt. Ein klassischer Touristenmagnet mit Imbißstandeln, und Busparkplatz.

Von dort weg geht es über eine schön ausgebaute, serpentinenreiche Strasse auf die Durmitor Hochebene nach Zabljak. Der spröde Charme des Wintersportortes hinterläßt bei uns kaum Bewunderung, so durchfahren wir ihn und freuen uns auf die einspurige Überschreitung des Gebirgsmassives. Bald verschwinden wir auf ca. 1800 Metern Seehöhe in dichtem Nebel, und Cordula ist ein bißchen enttäuscht, keine Sicht zu haben. Doch dann die Überraschung: plötzlich reißt am Sattel der Himmel auf und forscher, kalter Wind verbläst die Nebelschwaden und legt die ganze umliegende Bergwelt in all ihrer Pracht frei. Die Sonne wärmt uns wieder ein wenig auf, und wir fühlen uns wie zu Hause in den Tiroler Alpen. Hinter jeder Biegung tut sich eine neue Perspektive mit grandiosen Ausblicken auf. Vor lauter Schauen, Filmen und Fotografieren kommen wir überhaupt nicht weiter und übersehen die Zeit. Wir lassen uns richtig gehen in dieser Stille. Nebelfetzen ziehen über die Bergspitzen und immer wieder verdunkelt sich die Sonne kurzfristig. Wir sind von all diesen Eindrücken so sehr überwältigt, daß klar wird: wir wollen hier noch nicht weg. So erklären wir kurzerhand unser urprünglich gestriges Tagesziel zu unserem heutigen, und rollen über eine weite, sanft wellige Hochalm in den winzigen Ort Trsa.

Auf dem Weg dorthin verlieren wir ein wenig an Höhe und tauchen bald wieder in die Wolkendecke ein, und es kühlt empfindlich ab. Die Lust aufs Zelteln ist uns ein wenig vergangen, wo doch hier ein paar kleine Holzhütterln mit Platz für genau 2 Betten auf der Weide stehen. Um 7 Euro pro Person beziehen wir diese urige, gemütliche Behausung, und wärmen uns dann in der angrenzenden Konoba am eingeheizten Holzofen.
28. August 2010, Karuc – Jezero Biogradska Gora (117 km)
Rudi kriecht um 7.50 aus dem Zelt und irgendwie haben wir bis 12 Uhr mittags 4 Stunden Zeit liegen gelassen, ohne zu wissen, wo.
Wahrscheinlich liegt es an diesem verträumten Ort Karuc in dieser stillen, versteckten Bucht des Shkodersees, an dem die Zeit scheinbar spurlos vorüberging. Keine Hektik, kein Lärm und Menschen, die sich für alles viel Zeit nehmen. Das steckt an. Selbst die leere Batterie in Rudis Motorrad kann uns nur kurz aus der Fassung bringen. Mit Starthilfe geben haben wir ja schon Erfahrung. Das Anschleppen haben wir schnell wieder aufgegeben, zu schwer ist die BMW für Cordulas XT den steilen Berg hinauf. Den Laptop laden wir jetzt besser immer nur beim Fahren auf. Der 220 Volt Umwandler saugt die Batterie einfach aus.

Unser Plan ist, das Tagebuch auf der Homepage zu füttern. Dazu steuern wir Podgorica, die Hauptstadt an, um ein Internetcafe zu finden. Wir versuchen es vorerst mal mit einem guten Hotel auf dem Weg ins Zentrum, hier können wir besser parken. Doch hier in dem Best Western Hotel, mag man uns nicht und man wirft uns nach einer halben Stunde wieder raus: Internet only for guests! Wir haben grade mal eine Seite aktualisiert. Also doch Internet Cafe. Im Zentrum fragen wir uns durch, doch die meisten Leute sind ratlos. Die Lokale ringsherum haben alle kein WiFi. Endlich in einer Seitengasse eine kleine Spelunke mit ein paar Rechnern. An der Theke sitzen zwei Bullen und mustern Rudi von oben bis unten. Der Barkeeper teilt mit Bedauern mit: Sorry, no Internet today!

Inzwischen haben wir weitere 2 Stunden verbraten und nix ist weitergegangen. Wir wollen nur raus aus der nichtssagenden Stadt. An der Stadtausfahrt steuern wir erneut ein 4 Sterne Hotel an, um unser Glück nochmals zu versuchen. Die Rezeptionistin muss erst 5 Minuten lang mit ihrem Boss telefonieren, um Rudi dann mit einem Lächeln im Gesicht zu verkünden: Yes Internet is ok, but only WiFi. It costs 5 Euro per hour! Mit einem schallenden Lachen und einem verhöhnenden Gesichtsausdruck lässt er die Türe hinter sich zuknallen und wir verschwinden aus der Abzocker-City. In der Republik Moldau bekämen wir eher einen Anschluss als in diesem ach so fortschrittlichen Euro-Land, mit all dem ganzen Schicki-Micki-Schnickschnack.
Jetzt wirds dann echt knapp mit der Zeit, weit sind wir ja noch nicht gekommen und es ist schon drei Uhr. Jetzt geben wir mal gas durch das wunderschöne, schluchtartige Moraca Tal in Richtung Kolasin. Unser eigentliches Tagesziel, Trsa im Durmitor-Gebirge haben wir längst abgeschrieben. Drum machen wir weiter auf gemütlich und genießen die geniale Kurvenfahrt durch die schroffen Berge dem smaragdgrünen Fluss entlang, der sich über die Jahrtausende Schicht für Schicht hinuntergegraben hat.

Doch das Tagebuch liegt uns noch immer im Magen, schliesslich wollen ja ein paar liebe Menschen daheim wissen, wie es uns geht und wo wir uns herumtreiben. So versuchen wir es noch einmal in dem Wintersportort Kolasin. Im Spa Hotel Bianca, einer 5-Sterne Hütte lässt man uns für 2 Euro die Stunde im Buisiness Center an den Computer. Mit dem Password versorgt wollen wir die Daten vom Stick übertragen, doch heute ist nicht unser Tag. Der Rechner will den Stick scheinbar nicht erkennen. Rudi verzweifelt. Sch… Technik. Cordi holt den Laptop und wir versuchen es über WiFi. Doch vorher brauchen wir neue Zugangsdaten. Also wieder runter zur Rezeption…. Alles ist sehr schwer. Mit dem neuen Code versuchen wir vorher einen anderen Rechner, der ist so nett und sagt uns, daß der USB Stick ein geschütztes Volume ist und nicht geöffnet werden kann. Das war nun der Schlüssel zur Lösung des Problems. Ein klitzekleiner Schalter am Stick wird umgelegt und schon können wir dei Daten übertragen. Warum nicht gleich!!! Nach einer Stunde haben wir trotzdem erst drei von sieben Tagen nachgeholt. Aber zumindest etwas. Es ist jetzt schon sehr spät und wir haben noch keinen Schlafplatz. Das Spa wollen wir uns dann doch nicht gönnen, bei einem Zimmerpreis von 150 Euro ohne Frühstück.

Wir fahren noch ein paar Kilometer das Tal hoch und entdecken eine Tafel mit der Aufschrift: Jezero Biogradska Gora, Naturpark. Mit Campmöglichkeit. Das nehmen wir. Wir biegen von der Hauptstrasse rechts über den Fluss ab und schrauben uns einige Kehren in das Naturreservat hoch. Nach 5 Kilometern und 4 Euro Naturparkabgabe stehen wir vorm Bergsee inmitten eines riesigen Buchenwaldes. Da heute Samstag ist, ist hier etwas Ramba-Zamba-Familienausflugs-Lärmterror. Wir flüchten eine Etage höher in den Wald und machen es uns in einem Blockhüttendorf bequem. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir ein Waldrestaurant vor der Sperrstunde über einen Waldweg, um noch ein Essen zu bekommen. Im Schein unserer Stirnlampen wandern wir zurück durch den gespenstisch stillen Wald zu unserem Zelt und sind uns einer erholsamen Nacht sicher.
27. August 2010, Fierze – Karuc (165 km)
Die Nacht war kurz und laut: spät abends kamen noch Italiener, die sofort die Gitarre zückten, und bei viel zu viel Bier lauthals Lieder grölten. Ausserdem rückten diverse LKWs an, die heute mit uns einschiffen wollen, und die Verladestelle in ein Staubdesaster verwandelt haben.
Um 6 Uhr kriechen wir übermüdet aus dem Zelt. Rasches Einpacken, denn es herrscht schon hektisches Treiben und Verladen. Pünktlich um 7 Uhr will die Fähre ablegen, doch Rudi ist noch nicht an Bord. Er hat Cordi gefilmt, und eilt gerade zum Motorrad, als die Motoren schon laufen, und die Taue eingezogen werden. In letzter Sekunde schafft er es noch auf die Fähre.

Es folgen zweieinhalb Stunden einer unbeschreiblich schönen Schifffahrt über den aufgestauten Fluss, durch weitgehend unberührte Berglandschaft. Steil richten sich die teils bewaldeten, teils schroff felsigen Hänge links und rechts vom Ufer auf. Immer wieder zweigen kleine Seitentäler ins Hochgebirge ab. Gekonnt schippert der Kapitän durch Engstellen und an Sandbänken vorbei. Nach jeder Biegung neue Eindrücke, neue Perspektiven und Lichtspiele. An nur wenigen Stellen können wir kleine Behausungen ausmachen, nur verbunden durch einen Bergpfad mit der Aussenwelt, und am Ufer liegen mehr oder weniger fahrtaugliche Ruderboote. Die Fahrzeit vergeht wie im Flug. Für die 30 Kilometer hätten wir am Landweg genauso lange gebraucht. Auf dem Schiff wird alles nur Erdenkliche transportiert: Kipplaster sind mit grobem Schotter beladen, Kleintransporter mit Holzbrettern, am Heck der Fähre stehen 8 Kühe mit ihren Kälbern. Dazu kommt ganz normaler Personenverkehr, und Reiselustige wie wir.

Die Entladestation in Komani mutet etwas abenteuerlich an. Das Schiff steuert direkt auf die Krone des Dammes zu, und fährt dann nach rechts auf eine Felswand mit einem Tunnel zu. Davor befindet sich eine betonierte Verladerampe, von der aus ein in den Fels gehauener Fußweg zu einer Madonna in einer Höhle führt. Der Platz ist gerammelt voll, mit Kleinbustaxis, die die Passagiere der Fähre abholen. Dabei verperren sie die schmale Laderampe und die LKWs hupen sich ihren Weg frei, um vom Schiff zu kommen. Ein skurriles, lautes Schauspiel. Wir sind die letzten, und haben genügend Zeit, uns noch zu adjustieren. Durch besagten 500 Meter langen Tunnel geht es an den Fuß des Staudammes nach Komani hinunter, wo bereits eine lange Kolonne an Fahrzeugen wartet, um von hier in die entgegengestzte Richtung nach Fierze auf die Fähre zu gelangen. Den letzten der 3 Stauseen geht es nun eben so lange auf äußerst schlechter Strasse Shkoder entgegen. Da die Yamaha immer noch ab und zu abstirbt, versuchen wir bei einer Pause ein letztes Mittel, und tauschen die Zündkerze. Das lohnt sich, der Bock läuft jetzt wie am Schnürchen. Shkoder müssen wir durchqueren, um zur montenegrinischen Grenze bei Muriqan zu gelangen. Dort erwartet uns ein 1,5 Kilometer langer Stau. In der ärgsten Nachmittagshitze stehen Auslandsalbaner mit ihren Familien und warten auf die Grenzabwicklung.

Wir schleichen uns an der Kolonne vorbei und werden auch sogleich von einem Zöllner bis zu seinem Kaphäuschen vorgewunken. Wir befinden uns auf einem 2009 eröffneten Grenzübergang, dem bislang einzigen am Balkan, an dem die Beamten beider Länder an einem Tisch sitzen, und sich die Papiere übergeben. Genial! Nach 3 Minuten ist alles erledigt und wir sind in Montenegro. Über die wunderschöne schmale Uferstrasse gleiten wir den Shkodersee entlang und geniessen ständig die herrliche Aussicht auf den größten Binnensee des Balkans, mit seinen unzähligen kleinen Inseln entlang des Westufers. Wir haben vor, heute noch eine Bootsfahrt durch die Sümpfe zu buchen. In Virpazar werden wir auch tatsächlich gleich darauf angesprochen. Ein Keiler drückt uns eine Rundfahrt rein, gemeinsam mit 2 slowenischen Pärchen, und ohne viel nachzudenken, schlagen wir ein. Der Gute nimmt uns 24 Euro pro Person für 2 Stunden ab und verspricht ein tolles Erlebnis.

Wir besteigen das betagte Boot eines älteren Skippers und kiefeln noch ein bißchen an der Höhe des Fahrpreises. Er tuckert mit uns einen Kanal hinaus auf den offenen See, vorbei an gelben Seerosen und Schilfhainen. Die 2 Stunden werden zum absoluten Nepp, denn außer einer vermeintlich ehemaligen kleinen Gefängnisinsel für Frauen, und ein paar Sprüngen ins Wasser wurde uns rein gar nichts geboten. Im Gegenteil: die Fahrt bekommt einen bitteren Beigeschmack: Beim Herumafferln mit der wasserdichten GoPro Helmkamera passiert die Katastrophe: beim Köpfler vom Boot schlägt es Rudi die Kamera aus der Hand und versinkt für immer in den Tiefen des Sees. 2 Tage Filmmaterial wird wohl nie gesehen werden! (wir hatten dazwischen keine Gelegenheit, die Speicherkarte zu entleeren, da Laptop ohne Saft!) Rudi ist zum Heulen. Die Kamera ist ersetzbar, der Inhalt jedoch nicht!!! Ein teurer Spaß diese blöde Schiffahrt. Vergeßt Virpazar. 2008 eine Fischvergiftung geholt, heute der Bootsnepp! Besser einfach durchfahren! Gott sei Dank entschädigt uns noch der Norden des Sees mit seiner faszinierenden und beeindruckenden Fjordlandschaft. Karstiger Fels, dazwischen schlängeln sich in vielen Schleifen die Ausläufer des Shkodersees durch die Berglandschaft. Am äusserten Ende biegen wir auf ein extrem schmales Sträßchen ab.

Es hantelt sich die Steilküste in engen Serpentinen nach Karuc hinunter ans Wasser. Ein malerischer stiller kleiner Ort, mit uralten Steinhäusern liegt vor uns in einer winzigen Bucht. Es ist wie im Bilderbuch. Rudi geht auf Zeltplatzsuche. Ein netter Hausbesitzer stellt uns den Garten seines zweiten unbewohnten Hauses zur Verfügung. Es ist zwar alles verwildert hier, aber dafür sind wir alleine. Allerlei Früchte hängen auf den Bäumen rings um uns herum: Feigen, Kiwis, Quitten, und Granatäpfel. Zum Abendessen schlendern wir einen Steinwurf weit in eine winzige Konoba mit einer Terrasse direkt am Wasser. Der wahrscheinlich beste Koch Montenegros verwöhnt uns mit der feinsten Fischsuppe weit und breit und genial zubereiteten Flussfischen und anderen Leckereien. Wir sind wieder ein wenig versöhnt und die schöne Stimmung hier läßt uns den Verlust leichter verdauen.




